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Rangverhalten

Wiederum heißt das aber nicht, ich darf gar nichts verlangen, was es nicht tun möchte. Das ist die andere Seite, die ich lernen muß: Man darf Pferde nicht vermenschlichen, sie sind und bleiben dennoch ein Pferd!

Hier sind wir jetzt beim Druck, den ich brauche. Menschen, die keine Forderungen an andere Wesen stellen können, sollten sich vielleicht besser damit begnügen, den Pferden auf der Weide zuzusehen anstatt sie zu reiten. Denn ganz ohne Druck und Grenzen setzen kann mich das Pferd nicht als ranghöheres Herdenmitglied sehen. Man muß mit einem Pferd so umgehen, wie es ein anderes, ranghöheres Pferd täte, sonst kann es unter Umständen ganz schnell ungemütlich für den Menschen werden.

Nun, wie gehen sie miteinander um?

Setzt euch einmal auf die Weide und beobachtet. Da gibt es die Leitstute oder den Wallach, der immer zuerst kommt, frißt oder trinkt. Das ist der Ranghöchste. Diese Position ist für uns erstrebenswert. Beobachtet seine Reaktionen gegenüber seiner Artgenossen.

Manchmal ist es notwendig, klare Grenzen zu setzen, um die "aufsässigen" anderen Herdenmitglieder wieder auf ihren Platz zu verweisen. Zuerst wird immer eine Drohung ausgesprochen (oft geht das so schnell, daß es für ungeübte Augen nicht klar erkennbar ist) - angelegte Ohren, Schweif peitschen, aufstampfen..., die wenn sie ignoriert wird, in ordentliches Beißen oder Treten ausarten kann. Es liegt ebenso in der Natur der Pferde, dass sie nachfragen müssen, ob der Ranghöchste wohl noch immer seinen Platz an der Spitze verdient.

Aus der Sicht eines Wildtieres ist es auch durchaus verständlich, denn selbst der stärkste Anführer wird irgendwann einmal alt und schwächer. Ist er noch klar im Kopf? Gibt er noch klare Anweisungen? Weiß er, was er will? Ist das, was er tut, auch gut für die Herde? Ist er bei der Sache? Kann er sich noch behaupten und durchsetzen? Oder wird er senil, nachlässig und trüb? Dann ist es nämlich höchste Zeit, daß ein anderer diese Position übernimmt!

Partnerschaft

Pferd fragen uns Menschen ständig, ob wir uns die Spitzenposition noch verdient haben. Manche fragen weniger heftig, andere sehr, sehr deutlich. Und dann kann es vorkommen, dass wir unseren Platz verteidigen müssen, u. U. auch mit schlagen und treten, um die "Aufsässigen" wieder auf ihren Platz zu verweisen. Aber wir sollten nicht aus Zorn reagieren, sondern aus dem Wissen heraus, daß das Pferd nur tut, was es glaubt, daß es das beste für ihn und seine Erhaltung ist.

Rein körperlich ist es uns Menschen weit überlegen. Dass es seine Macht nicht ausspielt ist nur seiner Gutmütigkeit zu verdanken und seiner Bereitschaft, sich uns anzuschließen, um sein Überleben in der heutigen Welt zu sichern, wo es nicht mehr frei und wild über die Steppen ziehen kann.

Ich glaube nicht, daß alle Pferde glücklicher wären, würden wir sie frei lassen. Ich bin davon überzeugt, daß auch die Pferde von einer Partnerschaft mit dem Menschen profitieren - in ihrem geistigen Wachstum. Schließlich lernen sie von uns, wie auch wir von ihnen.

Sie lernen, Ängste zu überwinden, sie lernen, nicht nur instinktgesteuert zu überleben, sondern auch den Kopf einzusetzten. Sie werden schlauer durch uns, athletischer, vertrauensvoller, aufmerksam uns gegenüber. Man merkt auch, daß es ihnen Spaß macht, mit uns zu leben.
Wenn wir sie pferdegerecht behandeln.